Das Interview führte das Presse- und Informationsbüro der griechischen Botschaft in Wien

Wien, 24.09.2018

[Heinz Gstrein: geb. 1941 in Innsbruck, Studium der Byzantinistik in Wien (Dr. Phil.), der Theologie in Chalki, Saint Serge (Paris) und ITI (Wien), 1966 Chefredakteur „Athener Kurier“, 1969 von der griechischen Junta ausgewiesen, 1969-1995 Korrespondent in Kairo, Tunis, Tirana, Minsk und Moskau, 1995-2001 wieder Athen für „Neue Zürcher Zeitung“, 2001-2006 Institut G2W in Zürich, 2006-2012 Lehrauftrag Osmanische Geschichte am Lehrgang Balkan der Uni Wien. Buchautor von „Zum Beispiel Griechenland“ (1969) über „Kyrill und Method“ (1985) bis „Gedanken eines Journalisten – Konflikte unserer Zeit“ (2011). Verheiratet mit Rhea Sourmeli aus Prinkipo bei Konstantinopel, bis 2002 AFP-Büro Athen, zwei Kinder, fünf Enkel].

Heinz Gstrein

Herr Gstrein, Sie dienen der Öffentlichkeit seit Jahrzehnten als Journalist. Sehen Sie Unterschiede in der Art und Weise, in der Journalismus heute in Bezug auf die Vergangenheit praktiziert wird?

In meinem Beruf stellt die digitale Revolution eine besonders einschneidende Zäsur dar. Zum Guten wie im Negativen. Als ich in den 1960er Jahren für die Wiener „Furche“ an der Schreibmaschine zu klappern begann, war das Schreiben und vor allem die Informationsbeschaffung viel, viel schwieriger. Damals musste man den Fakten nachlaufen, unzählige Telefonate führen, in vielen Büchern nachschlagen: Heute liefert einem das alles aus jedem Winkel der Welt, aus jedem Fachgebiet ganz einfach und rasch das Internet. Dieses hat aber auch zur Folge, dass sich die Medien das Meiste elektronisch fix und fertig besorgen können, kaum noch Korrespondenten im Ausland und sogar viel weniger InlandmitarbeiterInnen brauchen. Einige wenige Eliteprodukte machen da eine Ausnahme, kommen aber nur einer heute verschwindend kleinen Zahl von Journalistinnen und Journalisten zugute.

Während Ihrer beruflichen Laufbahn haben Sie über wichtige geopolitische Ereignisse im Nahen Osten, auf dem Balkan, in der Türkei, in Griechenland und in Ägypten berichtet. Denken Sie, dass nun die Lage in diesen Gebieten schwieriger ist als sie während des Kalten Krieges zwischen den USA und der Sowjetunion war?

Ja, leider hat sich im Nahost- und Südostraum sowie im Osten fast nichts zum Guten verändert. Die positiven Entwicklungen kann ich an den Fingern aufzählen: Griechenlands demokratische Wiedergeburt 1974 oder – mit Vorbehalten – der Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs 1989-1991. Der Kalte Krieg hatte neben seinen Schattenseiten für die sowjetisch beherrschten Menschen doch in Nahost den Vorteil, dass die USA und Moskau ein Gleichgewicht zwischen ihren Schützlingen wahren mussten. Heute ist alles zersplittert, haben wir es im Orient mit einem Krieg aller gegen alle zu tun.

Sie sind ein exzellente Kenner der griechischen Sprache, der griechischen Kultur und der griechischen Angelegenheiten im Allgemeinen. Gleichzeitig leben Sie heute in Österreich und beobachten die österreichische Angelegenheiten zu eng. Wo denken Sie, dass Griechenland und Österreich konvergieren oder divergieren?

Wir haben so viel gemeinsam, ergänzen uns so gut, dass ich die Vision einer Austro-Ellada statt der einstigen Austro-Ungaria liebe. Ich bin aus meinen Erfahrungen kein besonderer Freund der EU – die ist mir zu planwirtschaftlich und auch sonst überadministriert, zu deutsch-französisch-lastig und arrogant gegen die Süd- und Osteuropäer. Ich hätte eine Freude an einer von Österreich bis Hellas reichenden Südostgemeinschaft, wie sie schon einem Rigas Ferraios vorgeschwebt hatte.

Inwieweit könnte das Flüchtlingsproblem die zukünftige Entwicklung der Europäischen Union beeinflussen? Welche könnte Ihrer Meinung nach die Rolle Griechenlands und Österreichs bei der europäischen Integration sein?

Österreich war immer aufnahmefähig für Menschen aus anderen Kulturen, ob es als erste Flüchtlinge die Serben, griechische Kaufleute und Intellektuelle oder Juden aus dem Osten waren. Ich finde, dass gerade das die Eigenart und den Vorzug Österreichs ausmacht. Eine erfolgreiche Integration setzt jedoch ein Minimum an kultureller Verwandtschaft voraus. So haben Griechen und Österreicher das Bildungsfundament des klassischen Altertums gemeinsam. Gewisse Zivilisationen wie vor allem die islamische widersetzen sich jedoch jeder Annäherung, sind ausgesprochen integrationsfeindlich. Europa kann und darf daher Flüchtlinge nicht wahllos aufnehmen. Sonst könnte ihm dasselbe wie dem weströmischen Reich durch die Völkerwanderung passieren. Ostrom hat seine Identität hingegen bewahrt, selbst durch die Türkenherrschaft ins moderne Griechentum hinübergerettet. Da kann und muss Österreich, ja ganz Europa, von Griechenland lernen.

Sie waren ein Student der Orthodoxen Theologischen Schule von Chalki in Türkei. Wie kamen Sie dort aus Tirol, wo Sie geboren und aufgewachsen waren? Und wie sind Sie zum Journalisten gekommen?

Ja, ich komme aus Tirol, aber aus einer richtig altösterreichischen Familie mit mehreren Sprachen und Religionen. Meine Lieblingsoma war aus Russland und wollte mich zum Bischof machen. Daher wurde ich nach Chalki geschickt. Leider haben die Türken schon 1964, lang vor der völligen Schließung der Theologischen Schule, Ausländern nichttürkischer Staatsbürgerschaft das Studium verboten. Da machte ich in Wien bei den Byzantinisten weiter. Als frischgebackener Doktor merkte ich, dass ich eine – damals – brotlose Kunst studiert hatte. Ein Freund, der Chefredakteur in Deutschland war, holte mich als Voluntär nach Nürnberg. So bin ich Journalist geworden. Die Liebe zur Theologie und überhaupt Wissenschaft ist mir aber geblieben.

Sie haben sich mit kirchlichen Fragen beschäftigt. Wie ist das Verhältnis von Staat und Kirche in Österreich und welche Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten gibt es mit der entsprechenden Beziehung in Griechenland?

Das Habsburgerreich förderte den Katholizismus als seine Staatskirche, evangelische Christen und auch wir Orthodoxen wurden lang verfolgt. Auf der Tiroler Festung Kufstein erinnern noch Hungerkerker an orthodoxe Priester und Mönche, die man verhungern ließ, weil sie nicht katholisch werden wollten. Mit der Aufklärung, d.h. Kaiser Joseph II., kam dann die Toleranz, also Duldung Andersgläubiger. Volle Religionsfreiheit gab es erst gegen Ende des Kaiserreichs. Reste des Staatskirchentums sind aber immer noch vorhanden, konfessioneller Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen z.B. und andere Privilegien. Von denen profitieren heute jedoch alle staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften, auch wir Orthodoxe. In Griechenland hingegen sehe ich vorherrschend eine Umkehrung des osmanischen Religionsrechtes: Privilegierte Religion ist seit 1830 anstelle des Islams die Orthodoxie, Andersgläubige haben nur Kultfreiheit und dürfen nicht missionieren wie einst die orthodoxen Griechen unter dem Sultan. Doch die heutige Athener Regierung ist eifrig dabei, diese uneuropäischen Altlasten im Familienrecht und Schulwesen und vor allem das „Prosyletismusverbot“ abzubauen.

Wie sehen Sie die Rolle des Ökumenischen Patriarchats in Konstantinopel in unserer globalisierten Welt?

Als 1870 die Italiener dem Papst seinen Kirchenstaat besetzten, glaubten viele an ein Ende der Bedeutung des Papsttums. Stattdessen entfalteten die machtlos gewordenen „Gefangenen im Vatikan“ eine vorher nie dagewesene geistige Ausstrahlung. Dasselbe sehe ich beim Ökumenischen Patriarchat: Nachdem es fast alle Gläubigen in der Türkei durch ihre Massakrierung oder Austreibung verloren hatte, seine Kirchensprengel in Südosteuropa an die neuen Nationalstaaten abgeben musste, schien das Patriarchat von Konstantinopel am Ende zu sein. Doch die „Gefangenen im Phanar“ bauten weltweit die griechisch-orthodoxe Diaspora auf, leiteten Reform- und Konzilsbewegungen ein, wurden weltweit führend in Ökumene und Ökologie. Der „grüne Patriarch“ Bartholomaios I. ist ein schönes Beispiel dafür. Jetzt bietet er sogar dem wilden russischen Bären in der Ukraine kirchlich die Stirn!

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