Herr Premierminister, ich möchte Ihnen zunächst für die Ausrichtung dieses äußerst wichtigen Gipfels danken sowie dafür, dass Sie Indien und den Globalen Süden in den Mittelpunkt dieser weltweiten Debatte über Künstliche Intelligenz gestellt haben. Das von Ihnen gewählte Leitthema des Gipfels – „Menschen, Fortschritt und Planet“ – bringt zum Ausdruck, dass Künstliche Intelligenz nicht nur einen tiefgreifenden und weitreichenden technologischen Wandel darstellt, sondern ebenso einen kulturellen Umbruch. Die Entscheidungen, die wir heute treffen, werden darüber bestimmen, ob Künstliche Intelligenz Chancen erweitert oder Ungleichheiten vertieft.
Gestatten Sie mir, drei kurze Gedanken mit Ihnen zu teilen. Erstens: Wie viele von Ihnen bereits hervorgehoben haben, müssen die Vorteile der Künstlichen Intelligenz breit zugänglich gemacht werden. Jede technologische Revolution in der Geschichte hat erheblichen Wohlstand geschaffen. Doch die Geschichte lehrt uns auch, dass sich dieser Wohlstand niemals von selbst gerecht verteilt. Künstliche Intelligenz besitzt das Potenzial, beispiellose wissenschaftliche Durchbrüche zu ermöglichen, die Gesundheitsversorgung grundlegend zu verbessern, die Bildung zu stärken und die Resilienz gegenüber den Folgen des Klimawandels zu erhöhen.
Die entscheidende Frage lautet jedoch: Wer profitiert – außer den großen Technologieunternehmen und ihren Aktionären? In unseren Ländern müssen die Regierungen gewährleisten, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer weiterqualifiziert werden, dass kleine und mittlere Unternehmen Zugang zu KI-Anwendungen erhalten und dass öffentliche Dienstleistungen modernisiert werden. Landwirte, Pflegekräfte, Lehrkräfte und Kleinunternehmer müssen die Vorteile dieser Technologie ganz konkret und im Alltag spüren können. Die Sorge vor der Verdrängung eines erheblichen Teils der Erwerbsbevölkerung ist berechtigt und muss rasch und entschlossen angegangen werden.
In Griechenland gehen wir diesen Weg bereits. Die Digitalisierung hat die öffentlichen Dienstleistungen deutlich zugänglicher und effizienter gemacht. Die Integration Künstlicher Intelligenz in das Bildungssystem wird dazu beitragen, Lernunterschiede zu verringern. Zugleich machen Fortschritte in der Telemedizin, in der prädiktiven Analytik und in der personalisierten Prävention das Gesundheitswesen deutlich proaktiver: Der Schwerpunkt verlagert sich von der Behandlung im Krankenhaus hin zur Vorsorge im eigenen Zuhause – und verbessert damit nachhaltig die Lebensqualität aller Bürgerinnen und Bürger. Als Staaten müssen wir eine Welt verhindern, in der sich der Zugang zu Rechenkapazitäten, Daten und Talenten auf wenige geografische Regionen konzentriert. Künstliche Intelligenz darf keine Geschichte digitaler Konzentration sein – sie muss eine Geschichte digitaler Teilhabe sein.
Mein zweiter Punkt betrifft die Leistungsfähigkeit des Staates selbst. Die technologische Entwicklung schreitet mit außerordentlicher Geschwindigkeit voran, doch allzu oft arbeiten unsere öffentlichen Institutionen noch mit überholten Systemen und Regelwerken. Wenn Künstliche Intelligenz im Dienst der Gesellschaft stehen soll, müssen Regierungen ihr eigenes „Betriebssystem“ grundlegend modernisieren. Beschaffungs- und Vergaberahmen, die für das Industriezeitalter konzipiert wurden, sind für das KI-Zeitalter nicht geeignet. Sie müssen schneller, stärker ergebnisorientiert und offener für Start-ups sowie innovative Unternehmen werden. Gleichzeitig muss die öffentliche Verwaltung gezielt in eigene Kompetenzen investieren – in digitales Fachpersonal, in leistungsfähige Dateninfrastrukturen und in KI-Kompetenz in sämtlichen Ministerien.
Es geht dabei nicht nur um einige Pilotprojekte. Wir müssen den Schritt von der experimentellen Phase hin zur breiten, skalierbaren Anwendung vollziehen – so, wie Sie es in Indien mit großem Erfolg getan haben, Herr Premierminister. Erfolgreich im Bereich der Künstlichen Intelligenz werden nicht nur jene Länder sein, die leistungsfähige Modelle entwickeln, sondern vor allem jene, die über leistungsfähige und handlungsfähige Staaten verfügen.

Daher müssen wir unsere Prioritäten im Hinblick auf den regulatorischen Rahmen mit Umsicht festlegen. Für Griechenland – und auch für mich persönlich – ist der Schutz von Minderjährigen vor digitaler Abhängigkeit und den Gefahren des Internets eine Frage der Generationengerechtigkeit und eine zentrale Priorität meiner Regierung. Es freut mich zu sehen, dass viele andere Länder in dieselbe Richtung gehen. Griechenland wird in Kürze seine Entscheidung hinsichtlich einer Einschränkung beziehungsweise eines Verbots des Zugangs von Minderjährigen und Jugendlichen zu sozialen Medien bekannt geben.
Dies steht im Einklang mit unserer demokratischen Verantwortung, wie es auch der kroatische Premierminister betont hat: Wir müssen sicherstellen, dass Technologie den öffentlichen Raum stärkt, anstatt ihn mit Desinformation und Hass zu überfluten. Ich befürworte einen umfassenden und konstruktiven Dialog mit den großen Technologieunternehmen. Zugleich müssen wir uns darüber im Klaren sein: Wenn dieser Dialog keine konkreten und messbaren Ergebnisse hervorbringt, wird Regulierung letztlich unausweichlich sein.
Abschließend sollten wir mit Blick auf die geopolitischen Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz den Schwerpunkt auf strategische Anpassungsfähigkeit legen. Künstliche Intelligenz betrifft nicht nur Code und Rechenleistung – sie ist ein integraler Bestandteil nationaler Stärke. Die wechselseitigen Abhängigkeiten durchziehen das gesamte KI-Ökosystem: von Halbleitern über Cloud-Infrastrukturen, von umfangreichen Datensätzen bis hin zu Forschung und internationaler Zusammenarbeit. Kein Land ist in der Lage, all dies im Alleingang zu bewältigen. Gerade deshalb sind verlässliche und vertrauenswürdige Partnerschaften von entscheidender Bedeutung.
In Griechenland haben wir Partnerschaften mit allen führenden Cloud-Anbietern aufgebaut. Gleichzeitig entwickeln wir unsere eigenen Kapazitäten weiter – durch EU-geförderte KI-Fabriken und entsprechende Initiativen unter der Führung nationaler Vorreiter. Auf diese Weise stärken wir unser Innovationsökosystem und ziehen gezielt Investitionen aus aller Welt an.
Und Ausgewogenheit ist unerlässlich. Eine Welt, in der Technologie instrumentalisiert wird, um verlässliche Partner unter Druck zu setzen, oder in der Überregulierung zum Mittel wird, Innovation zu unterdrücken, ist eine Welt, in der kollektive Innovationskraft schwindet. Wenn wir das KI-Ökosystem in starre Blöcke zersplittern, mindern wir den Nutzen für alle. Nutzen wir hingegen bestehende Interdependenzen verantwortungsvoll, erweitern wir die Chancen für alle.
Meine Damen und Herren, wenn wir sicherstellen, dass die Dividende der Künstlichen Intelligenz gerecht verteilt wird, wenn wir den Staat so modernisieren, dass er mit dem technologischen Fortschritt Schritt hält, und wenn wir verlässliche Partnerschaften aufbauen, die Innovation erweitern statt fragmentieren, dann kann Künstliche Intelligenz tatsächlich den Menschen dienen, Fortschritt ermöglichen und unseren Planeten schützen.
Als ich dem indischen Premierminister zuhörte, kam mir der Gedanke, dass es letztlich die Verbindung von Künstlicher Intelligenz mit jahrtausendealter Weisheit ist – sei es in den alten Sanskrit-Texten oder in den Schriften der griechischen Philosophen –, die uns den Weg in eine gerechtere und zugleich wohlhabendere Zukunft weisen kann. Das ist die Botschaft, die Griechenland der Welt senden möchte. Ich hoffe, sie findet Gehör. Vielen Dank.

Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis trifft den indischen Premierminister Narendra Modi
Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis traf am Rande des AI Impact Summit in Neu-Delhi mit dem indischen Premierminister Narendra Modi zusammen.
Während des Gesprächs erörterten die beiden Regierungschefs die bilateralen Beziehungen und bekräftigten die ausgezeichnete Zusammenarbeit zwischen ihren Ländern. Das Treffen fand zwei Jahre nach dem offiziellen Besuch von Kyriakos Mitsotakis in Indien und zweieinhalb Jahre nach dem entsprechenden Besuch von Premierminister Modi in Athen statt, der die Aufwertung der griechisch-indischen Beziehungen zu einer strategischen Partnerschaft markierte.
Beide Seiten brachten ihren gemeinsamen Willen zum Ausdruck, diese positive Dynamik zu nutzen, um die Beziehungen weiter zu vertiefen – insbesondere in den Bereichen Verteidigung, Schifffahrt und Schiffbau sowie Infrastruktur.
Der Ministerpräsident bekräftigte, dass Griechenland aufgrund seiner geografischen Lage und seiner modernen Infrastruktur als Tor Indiens nach Europa dienen könne. Zugleich unterstrich er die Bereitschaft Griechenlands, sich am Wirtschaftskorridor IMEC zu beteiligen.
Die beiden Staats- und Regierungschefs erörterten zudem das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Indien sowie die sich daraus ergebenden Perspektiven. Der Ministerpräsident beglückwünschte Herrn Modi zu der Vereinbarung, die er als einzigartige Chance zur Stärkung der wirtschaftlichen und geopolitischen Beziehungen zwischen der EU und Indien in einem unsicheren internationalen Umfeld bezeichnete.
Kyriakos Mitsotakis hob besonders die neuen Möglichkeiten hervor, die sich auf dem indischen Markt für hochwertige griechische Agrar- und Lebensmittelprodukte eröffnen – darunter Olivenöl und Kiwis.
Darüber hinaus wurden die jüngsten Entwicklungen in der Ukraine erörtert.
Abschließend tauschten sich Herr Mitsotakis und Herr Modi auch über die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz aus. Der Ministerpräsident betonte, dass Griechenland und Indien in dieser Debatte viel beizutragen hätten.
Quelle, Fotos, primeminister.gr




