Nikolaos Gyzis 417

Nikolaos Gysis ist einer der bedeutendsten und einflussreichsten griechischen Maler des 19. Jahrhunderts sowie einer der bekanntesten Vertreter der Münchner Schule. Die Münchner Schule ist ein Malstil der Münchner Malerei des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, der im Rahmen der Königlichen Akademie der bildenden Künste entwickelt wurde. Die Münchner Schule zeichnete sich durch Genauigkeit und Naturalismus in der Darstellung aus und hatte Landschafts-, Geschichts- und Porträtmalerei als typische Genres.

Nikolaos Gysis wurde am 1. März 1842 auf der kykladischen Insel Tinos geboren und verbrachte dort seine frühe Kindheit. Er ließ sich 1850 mit seinem Vater in Athen nieder, um seine Leidenschaft für die Malerei systematisch zu pflegen. Aufgrund seines jungen Alters besuchte er Kurse als Beobachter an der Nationalen Technischen Universität. Er schrieb sich 1854 offiziell ein und studierte bis 1864 bei Philippos Margaritis, Agathangelos Triantafyllou, Raffaello Ceccoli, Ludwig Thiersch, Petros Pavlidis-Minotos und Vasileios Karoubas-Skopas. 1859 nahm er an der olympischen Ausstellung teil und drei Jahre später wurde von seinem engen Freund Nikiphoros Lytras dem wohlhabenden Landsmann und seinem zukünftigen Schwiegervater, Nikolaos Nasos vorgestellt, der ihm half, ein Stipendium vom Evangelistria-Kloster in Tinos zu erhalten.

Mitte 1865 reiste er nach München ab. München war zu dieser Zeit – neben Paris – aufgrund des hervorragenden Rufs der Akademie der Bildenden Künste München im Allgemeinen, und Lehrern wie Piloty im Besonderen, die bedeutendste und wichtigste Kunstschmiede in Europa. Viele junge griechische Kunststudenten, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts in München eintrafen, wurden durch die Kulturpolitik Ludwigs I. in der bayerischen Metropole sehr gefördert.

Nikolaos Gyzis HistoriaHistoria/ Foto: Nikolaos Gyzis artist QS:P170,Q472237, Nikolaos Gyzis - Historia, (Quelle: Wikimedia Commons)

Gysis studierte bei Hermann Anschutz und Alexander von Wagner an der Akademie der bildenden Künste München, bevor er 1868 in die Klasse von Karl von Piloty aufgenommen wurde. In München wurde er von Nikiphoros Lytras, der sich 1860 dort niedergelassen hatte, ins künstlerische Leben eingeweiht und bald in den Leibl-Kreis aufgenommen. Allmählich baute er freundschaftliche Beziehungen zu den Malern Franz von Defregger, Eduard Kurzbauer und später Franz von Lenbach auf.

Nach seiner Teilnahme an den Ausstellungen in München und Wien reiste er 1872 nach Griechenland, wo er sich zwei Jahre aufhielt. Die Reise in den Nahen Osten, die er 1873 mit Lytras unternahm, hatte einen entscheidenden Einfluss auf seine Wahrnehmung und Wiedergabe von Farbe und Licht; Schilderungen des griechischen und orientalischen Lebens traten in den Vordergrund.

1874 kehrte er nach München zurück, wo er systematisch an den jährlichen und internationalen Ausstellungen im Glaspalast teilnahm. 1875 wurde er Mitglied der Kunstgesellschaft Allotria. Auf der Weltausstellung in Paris im Jahr 1878, wo er an der deutschen Division teilnahm, gewann er den dritten Preis, während er 1879 Mitglied des kritischen Komitees der Internationalen Ausstellung in München wurde. Der erste monumentale Auftrag fand Ende der siebziger Jahre statt: Zwischen 1878 und 1880 malte er die Decke im Kunstgewerbe-Museum in Kaiserslautern. 1880 wurde er Ehrenmitglied der Akademie der bildenden Künste, 1882 Assistenzprofessor an der Münchner Akademie der bildenden Künste und sechs Jahre später, 1888, ordentlicher Professor.

Gysis befasste sich hauptsächlich mit Genremalerei – Abbildung von Alltagsszenen – und wurde international als einer der bedeutendsten Genremaler der Münchner Schule gefeiert. Neben Genremalerei, Stillleben und Porträts hatte sich Gysis bereits Mitte der 1880er Jahre idealistisch-allegorischen Themen zugewandt, mit denen er bereits Mitte des vorigen Jahrzehnts zu experimentieren begonnen hatte, und so brachte er den neuen Geist zum Ausdruck, der zu dieser Zeit in München gepflegt wurde, ein Vorläufer des Jugendstils.

Gysis Geheime SchuleDie Geheimschule/ Foto: Nikolaos Gyzis artist QS:P170,Q472237, Gizis kryfo skoleio, (Quelle: Wikimedia Commons)

In den Jahren 1885-1886 malte Gysis sein wohl berühmtestes Bild, das die sogenannte "Geheimschule" darstellt. Das Bild, das jedes Schulkind in Griechenland kennt, zeigt eine Gruppe griechischer Schüler, die im Geheimen unterrichtet werden. Es geht um die Darstellung der Legende, dass Griechentum während der osmanischen Besetzung Griechenlands nur dank des geheimen Unterrichts in den Klöstern überlebte, weil der Unterricht auf Griechisch verboten war. Tatsächlich waren die Klöster jedoch wichtige Vermittler der griechischen Tradition, die von den Besetzern nicht gefördert wurde.

Gysis entwarf 1887 die Flagge für die Nationale und Kapodistrias Universität Athen und ein Jahr später den Kunstgeist für die 3. Internationale Kunstausstellung in München, der eine Wende zum künstlerischen Plakat markierte.

Siegerdiplom Olympische Spiele 1896 bSiegerdiplom, Olympische Spiele 1896/ Foto: Nikolaos Gyzis creator QS:P170,Q472237, Siegerdiplom Olympische Spiele 1896, (Quelle: Wikimedia Commons)

1892 gewann er Goldmedaillen auf der Internationalen Ausstellung in München und Madrid und ein Jahr später wurde er zum Mitglied des kritischen Komitees der Internationalen Ausstellung in Chicago gewählt. In diesem Jahr illustrierte er auch die Geschichte von Dimitrios Vikelas, ΦίλιπποςΜάρθας (Philippos Marthas). 1895 unternahm er seine letzte Reise nach Griechenland und entwarf das Siegerdiplom für die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit (1896). Von 1895 bis 1899 malte er für das Gewerbemuseum Nürnberg eine große idealistische Komposition, die „Apotheose der Bavaria“. 1900 wurden seine Werke Das neue Jahrhundert und Frühlingssymphonie auf der Weltausstellung in Paris präsentiert und seine große Komposition „Siehe der Bräutigam kommet inmitten der Nacht“, die eine religiöse Vision darstellt und die er nicht vollenden konnte, wurde im Glaspalast gezeigt. Nikolaus Gysis starb am 4. Januar 1901 in seiner Wohnung in München an den Folgen einer Leukämie und wurde auf dem Münchner Nordfriedhof beigesetzt.

1901 gab es eine posthume Ausstellung, die den kürzlich verstorbenen Wilhelm Leibl, Arnold Bocklin und Nikolaos Gysis gewidmet war. Ein Jahr später wurde seine Biographie von Marcel Montandon veröffentlicht. Im Jahr 1928 organisierte die Gesellschaft von Kunstliebhabern im Iliou Melathron eine Retrospektive mit vierhundertdreiundsechzig seiner Werke. Die Griechische Nationalgalerie organisierte 2001, zum hundertsten Jahrestag von seinem Tod, eine große retrospektive Ausstellung seiner Werke, um den großen griechischen Maler zu ehren.

Introbild: Nikolaos Gysis/ Foto: Unknown author, NikolaoNikolaos Gysiss Gyzis (1842–1901) (Quelle: Wikimedia Commons)

EG